Wochenandacht der evangelisch reformierten Kirchengemeinde Hillentrup-Spork

„Und ich werde in ihnen leben…“ Eins-Sein in Zeiten von Corona

Seit zweieinhalb Wochen nun ruhen alle öffentlichen Veranstaltungen. Unser Miteinander hat am vergangenen Sonntag noch einmal einen engeren Radius bekommen. Für diejenigen von uns, die sich nicht auf Abstand sportlich oder erholsam in der Natur bewegen können, sind Zuhause und Garten zum einzigen Aufenthaltsort geworden. Ich erlebe: Menschen gehen in den noch möglichen, direkten Begegnungen sehr bemüht, respektvoll und umsichtig miteinander um. Vielen tut die Entschleunigung gut. Die Empathie hat in den letzten beiden Wochen an Wert gewonnen. Da ist neben einer großen Vorsicht und Umsicht auch viel Phantasie. Mit liebevollen Gesten versuchen wir, den Kontaktbeschränkungen zu begegnen. Menschen suchen kreativ nach Wegen, sich zu erfreuen. Und doch ist mir in all dem eine aufkommende Traurigkeit begegnet im Gespräch mit Menschen unserer Gemeinde in der vergangenen Woche. Unser „Kirche-Sein“, unser „Gemeinde-Sein“ fühlt sich doch schmerzlich anders an, als sonst. Wir fehlen uns. Je länger, je mehr. Kommen nicht so richtig zueinander über Emails, Handy, Skype und WhatsApp. Das gegenseitige Verstehen ist schwieriger, Absprachen sind mühseliger. Informationen fließen zäher. Einkaufen dauert länger. Abstände machen eben langsamer. Manch ein Missverständnis bleibt nicht aus. Angst mischt sich ein und lässt vielleicht auch einmal ruppig werden, vorschnell, zu laut, zu leise und ganz still. Wir erleben uns anders als sonst. Vereinzelter. Zerstreuter. Irgendwie auseinandergesprengt. Erleben uns nicht mehr als eins. Fallen gefühlt auseinander. Menschen suchen in diesen Tagen nach etwas, was sie eint. Nicht nur  an den Kinderzimmerfenstern an der alten Dorfstraße in Schwelentrup hängen Kinderbilder mit bunten Regenbögen. An der Pottkuhle finden sich bemalte Steine zum Mitnehmen. Darauf ein Regenbogen und die Worte: Alles wird gut. Im Netz, unter Künstlern und Musikern gibt es  viele kleine Aktionen, die versuchen, Menschen zu verbinden. Doch all dies geht vorbei an denen, die sich nicht im Netz aufhalten und zuhause bleiben müssen. Unser Eins-Sein als Kirchengemeinde, versprengt kommt es manchen von uns vor. Was hält uns verbunden? Worin zeigt sich für uns jetzt noch, wer wir sind? Was hält uns zusammen? Eins-Sein. Das brauchen wir doch eigentlich gerade jetzt. Auch, wenn es sich vielleicht in manchem anders anfühlt: Unser Eins-Sein, es ist da. Und es trägt. Unser Eins-Sein als Kirche, als Kirchengemeinde, geht nicht von uns aus. Wir können es weder inszenieren, noch „machen“. Es entspringt der göttlichen Einheit. Von dort her zieht es seine Kreise. Unser Eins-Sein von Gott gewollt und ins Dasein gerufen versöhnt das Zerstrittene, ordnet das Zerzauste, beruhigt das Aufgebrachte, hält das Zu-Spontan-Unbesonnene liebevoll noch einen Augenblick zu
rück, motiviert das in Trägheit Gefangene, erhebt das Ängstliche, belebt das nichtssagend Laue, ruft das Sich-Verlaufende zurück, wärmt das starr Erkaltete, ermutigt zur Standhaftigkeit auch bei wechselnden Windrichtungen, überbrückt uns wieder aufeinander zu, wo wir beginnen, uns zu spalten in Prozessen von Meinungs- und Entscheidungsfindungen und in unserer so menschlich sehnsüchtigen Suche nach Zuwendung und Anerkennung. Eins-Sein von Gott her. Das Evangelium des Johannes beschreibt es uns als die tiefe, innige und unzerstörbare Einheit von Vater und Sohn. Im Sohn wendet sich Gott uns zu. Diese Zuwendung eint uns. Gott geht für sie einen für ihn schmerzhaften Weg. Das Evangelium des Johannes lässt den schmerzhaftesten Abschnitt mit der Bitte des Sohnes für alle diejenigen beginnen, die ihm je gefolgt sind und folgen werden. Diese Bitte ist eine der innigsten, liebvollsten, zärtlichsten, kräftigsten und tiefsten Bitten, die sich im biblischen Zeugnis finden:

„Vater, ich habe dich den Menschen bekannt gemacht,  die du aus dieser Welt ausgesondert und mir anvertraut hast.
Dir haben sie schon immer gehört und du hast sie mir gegeben. Sie haben sich nach deinem Wort gerichtet.
Und sie wissen jetzt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir stammt. Für sie bete ich. 
Durch sie wird meine Herrlichkeit sichtbar. Ich bin jetzt auf dem Weg zu dir. Ich bleibe nicht länger in der Welt.  Aber sie bleiben in der Welt.
Heiliger Vater, bewahre sie in deiner göttlichen Gegenwart die ich ihnen vermitteln durfte. Damit sie eins sind, so wie ich und du eins sind.
Solange ich bei ihnen war, habe ich sie in deiner göttlichen Gegenwart beschützt und bewahrt. Keiner von ihnen ist verloren gegangen.
Ich bitte dich, sie vor dem Bösen in Schutz zu nehmen. Lass sie in deiner göttlichen Wirklichkeit leben  und weihe sie dadurch zum Dienst.
Dein Wort erschließt diese Wirklichkeit. Ich habe ihnen gezeigt, wer du bist. Ich werde es weiter tun.
So wird die Liebe, die du zu mir hast, auch sie erfüllen. Und ich werde in ihnen leben.“ (Johannes 17)

„Bewahre sie in deiner göttlichen Gegenwart. (…) Damit sie eins sind, so wie ich und du eins sind.“ Diese Bitte gilt. Bis heute. Auch für uns. Immer dann, wenn wir in der Gefahr stehen, zerstreut zu werden, legt ER uns einmal mehr an das Herz dessen, von dem her wir zusammengehören. Wir sind eins, wir werden immer wieder eins, weil Gott uns so möchte. Und jeder und jede von uns macht dieses Eins-Sein ein Stück weit mit aus in seiner und ihrer ganz eigenen Art. So fehlen wir einander schmerzlich in diesen Tagen. Und doch hat dieses schmerzliche Vermissen vielleicht auch etwas Heilsames für uns an sich. Es wirft uns auf unseren Ursprung zurück. Wir sind nicht aus uns heraus Kirche und Kirchengemeinde. Nicht zuallererst aus Sympathien oder gemeinsamen Neigungen heraus, nicht zuallererst aufgrund gemeinsamer Interessen oder Aktivitäten. Wir sind es zuallererst und zunächst einmal aus IHM. Und DAS bleibt uns bei allen Einschränkungen und Kontaktabbrüchen. DAS ist da. Gerade jetzt. Klarer als sonst. Wieder im Blick. In der Entschleunigung wieder hörbar, fühlbar, spürbar als diese leise und doch so tragende Stimme, die wir zu anderen Zeiten im Wahnsinn unseres Alltages vielleicht zuweilen überhören. Wir sind eins. Wir sind verbunden. Wir sind eingebunden in SEIN Ganzes. Niemand von uns steht mit seinen und ihrem Leben ganz allein für sich. Und so suchen wir in diesen Tagen nach Zeichen, die uns eben dies zum Ausdruck bringen. Die Glocken unserer Sporker und Hillentruper Kirche läuten jeden Sonntag um 10.00 Uhr für fünf Minuten. Wir vermissen unsere Gottesdienste. Unsere Glocken erinnern uns an sie als unsere Mitte. Die kleine „Gottes-Zeit von Zuhause“ ist im Netz und ganz unspektakulär anfassbar auf Papier auf dem Weg durch unsere Gemeinde. Ein kleiner Anfang im Namen Gottes, fünf Fragen, Stille, Gebet und Segen im Licht einer Kerze sonntags um 10.00 Uhr für fünf Minuten: Menschen verbinden sich im Sprechen und Beten derselben Worte zu ein und derselben Zeit. Das Gebet als eine besondere Art der Freundlichkeit wird jetzt zu unserer Mitte. Nicht nur viele Menschen in unserer Gemeinde entzünden jeden Abend um 19.30 Uhr eine Kerze und stellen sie in ein von außen gut sichtbares Fenster. Menschen beten im Licht dieser Kerzen füreinander und miteinander. All diese kleinen Zeichen lassen uns hoffnungsvoll verbunden bleiben angesichts einer Krise, deren Verlauf wir derzeitig noch nicht absehen können. Beten im Licht einer Kerze. Hören. Horchen. Füreinander da sein. Aneinander denken. Und durch den Sohn für uns bitten lassen. Und dann warten, wie all dies seine ganz eigene Kraft, seine ganz eigene Dynamik entfaltet. In Liebe. Mit guten Gedanken und Ideen. In und trotz allem füreinander und miteinander. Das ist unser Weg Richtung Passion in diesem Jahr. Eins von Gott her. Daran sollten wir uns halten. Und für uns bitten lassen. Komme, was kommt. Durch den, der in uns lebt.

Und so grüße ich Sie und Euch in Verbundenheit auch im Namen meines Kollegen Pfr. Stephan Schmidtpeter, Ihre/Eure Pn. Sabine Hartung

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