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In den Sand geschrieben, oder: Die gerade Furche…

Der 17. März war ein trauriger Tag. Ich habe viele Gespräche geführt. Ich habe eine Taufe abgesagt. Und ich habe mit Menschen gesprochen, die seit Monaten ihre Kirchliche Trauung planen. “Ich kann Ihnen zum derzeitigen Zeitpunkt aufgrund der sich ständig verändernden Situation nicht verbindlich zusagen, dass wir am … in unserer Kirche Gottesdienst feiern dürfen. Ihre Feier wird sehr wahrscheinlich auch dann unter den Zeichen des Corona-Virus stehen, wenn uns das Feiern unserer Gottesdienste am Tag Ihrer Trauung wieder erlaubt sein wird. Gerne warte ich mit Ihnen ab, ob sich die Lage entspannt. Mein Wunsch für Sie ist, dass Sie den Tag Ihrer Feier unbeschwert und fröhlich in Ihrer Erinnerung behalten. Das Corona-Virus wird Ihre Feier sehr wahrscheinlich auch dann überschatten, wenn Gottesdienste an ihrem Trautermin vielleicht schon wieder (in einem kleineren Rahmen) gefeiert werden dürfen.” Diese Sätze waren mir schwer. Und sie wurden sehr, sehr dankbar angenommen. Sie haben geholfen, Entscheidungen zu finden. In diesem Jahr die standesamtliche Trauung. Im nächsten Jahr die Kirchliche Trauung. Coronafrei. So hat eines meiner Paare entschieden.

Ich habe in den vergangenen Tagen gespürt: Das Absagen fällt nicht nur mir schwer. Und darum begrüße ich die klaren und verbindlichen staatlichen Regelungen, die nun auch das Kirchliche Leben in unserer Lippischen Landeskirche bestimmen. Es geht darum, die Infektionskurve so auszubremsen, dass unser Gesundheitssystem diejenigen unterstützen und heilen kann, denen das Virus bis an die Todesgrenze schwer zusetzt. Es geht jetzt darum, zum Schutz der Schwächsten in den Risikogruppen zu verzichten auf das, was uns so selbstverständlich geworden ist: Auf unsere uneingeschränkte Bewegungs- und Reisefreiheit, auf das gesellschaftliche Leben und Miteinander, auf Kunst und Kultur, Reisen und das Shoppen. Verzicht schmerzt. Verzicht ist eine Form des Loslassens. Mensch lässt besagte Dinge nicht einfach so freiwillig los, auch das haben mir viele Gespräche in den letzten Tagen deutlich gemacht. Und manch ein Mensch lässt nur los, wenn er es muss. Anders scheint es nicht zu gehen. Sonst hätten die Vorsichtsmaßnahmen, die schon vor Wochen ernsthaft eingefordert wurden, womöglich anders gegriffen.

Der 17. März war ein trauriger Tag. Ich habe viele Gespräche geführt. Am Abend gehe ich noch einmal in unsere Hillentruper Kirche. Ich horche, ob Antworten für mich aufsteigen in die Stille. Langsam wird es dunkel. Neben dem Taufstein der Ständer mit den Teelichtern. Davor zwei Stühle. Drei Kerzen wurden entzündet auf weichem Sand. Ich schau in ihr Licht. Es sucht sich seinen Weg durch die dunkler werdende Kirche. Und dann sehe ich es: Jemand hat in den Sand geschrieben: “Liebe Sabine, ich war hier. Ich bete. Liebe Grüße.” So vieles scheint in den Sand geschrieben in den letzten Tagen, lose eingeprägt in die weichfließenden Sandkörner und im nächsten Augenblick schon wieder verwischt. Loslassen schmerzt. Unvermittelt muss ich an den Predigttext des vergangenen Sonntages denken. Ich hatte ihn für mich vorbereitet im Zusammenhang mit dem Pfarrkonvent. “Wer die Hand an den Pflug legt und schaut zurück, der oder die ist nicht geschickt für das Reich Gottes.” (Aus Lk 9,57-61) Es gibt Situationen, da geht es nur noch nach vorn. Da hilft der Blick zurück nicht mehr. Verantwortungen, die eben noch oberste Priorität hatten, sind wie ausgewischt. Wer jetzt zurückschaut, verpasst den Anschluss, weil sich die Situation stündlich verändert. Ich kann noch nicht loslassen. Ich muss erst noch… ich merke, dass nicht nur ich viel zu oft zurückschaue in den letzten Tagen, weil so unwirklich und so unglaublich ist, was um uns herum und unter uns passiert. In unserer derzeitigen Situation kann aus einem “Ich muss erst noch…” ganz schnell ein “Zu Spät” werden. Wer zu lange zurückschaut, verpasst den Anschluss. Denn das Zugtier zieht weiter nach vorn, wir bleiben zurück, die Leinen werden immer länger, wir verlieren die Kontrolle über den Pflug, der Pflug macht plötzlich Dinge, die wir nicht wollen, die Furche wird krumm. Die gute Saat gerät in Gefahr. Es gibt Situationen, da geht es nur noch nach vorn, auch, wenn dieses “Nach vorn” Leid bedeutet, Verzicht, Verlust, Krise, Herausforderung, Schmerz und Einschränkung. Und wenn das so ist, dann müssen wir dieses “Nach vorn” annehmen. Wir müssen es auf uns nehmen. Wir müssen es gestalten auf eine größere Liebe hin. Diese Liebe zieht uns nach vorn, ohne uns stürmisch, unklar und wirklichkeitsfremd werden zu lassen. Uns von ihrem sanften Zug mitnehmen zu lassen, von ihrem ruhigen und tröstenden Blick nach vorn, das ist unsere Aufgabe in diesen Tagen. Ich blicke auf die Kerzen. Ich blicke auf den Sand und auf seine kleine Botschaft der Liebe, gedacht als ein kleiner Trost. Und dann fällt mein Blick auf eine Karte. Auch sie steckt im Sand. Gemeinsam freundlich. Wir sammeln Freundlichkeiten. Auch in diesen Tagen. Ich nehme die Karte. Wie einen Schatz. Ich klappe sie auf, atme ein und lese: “Habe heute alle alten Menschen die ich so kenne und schätze angerufen und Hilfe angeboten, z.B. zum Einkaufen da sie wegen der Coronaepidemie zu Hause bleiben sollen. Der Anruf hat sie mehr gefreut als die angebotene Hilfe 🙂 “. Ich lasse die Karte in meinen Schoss sinken. Meine Augen werden feucht. Und ich denke: Hier ist so viel Liebe. Sie zieht uns nach vorn, ruhig, ganz gerade und entschlossen. Ja, das ist es. Loslassen, was die gerade Furche verhindert. Jetzt tun, was noch geht. Dem Zug der größeren Liebe trauen. Ich schließe meine Augen für einen Augenblick des Dankes. Und ich denke: Ja, so soll es sein. Möge Gott uns dazu segnen.

Es grüßt Sie und Euch in Verbundenheit,
Ihre/Eure Pn. Sabine Hartung

 

 

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